Wie wirken sich Epidemien psychisch auf die Gesellschaft aus?

Ansteckende Erkrankungen, vor allem während Epidemien und Pandemien, lösen Vielerlei in uns Menschen aus: Angst, Verunsicherung, Wut, Rebellionswünsche, aber auch Schuldgefühle.


Der plötzlich fehlende Handschlag bei Begrüßung und Verabschiedung, wie auch andere Hygienemaßnahmen, verändern vertraute Gesten der Verständigung und Zusammenkunft zwischen Menschen. Orte der Begegnung, die vorher geschützt und sicher waren, können jetzt als Gefahrenzone erlebt werden, in der man sich selbst oder den anderen infizieren kann.

Die oftmals notwendige Trennung von Menschen durch den Einsatz digitaler Medien (Online-Unterricht, Online-Arztkonsultationen, Online-Familienfeiern und sogar Online-Gymnastik) kann die leibhafte Begegnung in Präsenz nicht wirklich ersetzen, was zu Entfremdungsgefühlen führen kann.

Die Konfrontation mit der eigenen Versehrtheit und der des Gegenübers kann massive Ängste auslösen, aber auch Versuche, dieser Angst zu entgehen, indem man z. B. behauptet, die Gefahr sei gar nicht da. Dies äußert sich dann in Verschwörungstheorien oder auch dem Ignorieren von Schutzmaßnahmen.


Bei vielen Menschen ist das Vertrauen in die eigene Handlungsfähigkeit und die Einflussnahme auf das, was geschieht, erschüttert. Archaische Ängste und Phantasien können revitalisiert erlebt werden. Andererseits wird die Sehnsucht nach einer potenten Gestalt verstärkt, die über richtig und falsch entscheidet. Das erwartet man dann beispielsweise von der Regierung, vom Schuldirektor, vom Bürgermeister… Bei jüngeren Menschen kommt es auch zu einem psychischen Rückzug in Abhängigkeit und Resignation hinsichtlich der eigenen Autonomiebestrebungen durch den aktuellen Verlust der für die eigene Identitätsbildung so wichtigen Peer-groups. Sie ziehen wieder bei den Eltern zu Hause ein und fühlen sich dort zwar sicher, aber auch eingeengt und stagnierend.


Angesicht der sich täglich ändernden Entwicklung und Risikobewertungen in Hinblick auf die Pandemie kommt es zu um sich greifender Irritierung und Sorgen, mit den Unabwägbarkeiten alleine gelassen zu werden. Die reale Bedrohung greift in unser aller Leben tief ein – ob wir es nun wahrhaben wollen oder nicht.

Nicht zuletzt spielen Sorgen um die eigene wirtschaftliche Situation eine Rolle, die bis hin zu Existenzängsten gehen können, wenn – wie im Falle der Corona-Pandemie – Menschen beispielsweise in Kurzarbeit gehen, ihr Restaurant / Hotel schließen müssen oder nicht mehr als selbstständiger Veranstaltungsmanager arbeiten können. Die daraus entstehenden finanziellen Engpässe sind, wenn sie nicht vom sozialen Umfeld oder der Gesellschaft aufgefangen werden können, eine Quelle großer Ängste und Verunsicherung.



Literatur


Text erstellt basierend auf Gedanken von Lisa Werthmann-Resch, Vorsitzende der Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung (www.dpv-psa.de) in einem Schreiben an die Mitglieder dieser Fachgesellschaft


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