Wie lange ist eine Person nach einer Genesung immun?

Frühere Studien haben gezeigt, dass genesene Personen, die vorher positiv auf SARS-CoV-2-Antikörper getestet worden waren, sich selten wieder daran anstecken. Mehrere große epidemiologische und klinische Studien weltweit ergaben, dass das Risiko einer wiederholten SARS-CoV-2-Infektion bei Genesenen im Vergleich zu Nicht-Immunisierten und bisher nicht Erkrankten 80 – 100 % niedriger ist.

Eine amerikanische laborbasierte Studie, die die Testergebnisse von mehr als 9000 Personen mit einer vorherigen COVID-19-Infektion vom 1. Dezember 2019 bis 13. November 2020 analysierte, zeigte, dass nur 0,7 % dieser Personen sich erneut infizierten. Es gab zwei Todesfälle (3,2 %) im Zusammenhang mit einer erneuten Infektion.

Eine österreichische Studie bestätigte die niedrigen Reinfektionsraten (dieser Begriff bezeichnet die Häufigkeit von Wiederansteckungen bezogen auf eine Bevölkerungsgruppe) bei Genesenen. Eine weitere Studie untersuchte das virusspezifische „Immungedächtnis“ über einen Zeitraum von mindestens sechs Monaten. Diese kam zu dem Ergebnis, dass ungefähr 95 % der Probanden das Immungedächtnis etwa 6 Monate nach der Infektion beibehielten. Die Studie zeigte auch, dass zirkulierende Antikörpertiter kein Hinweis auf das T-Zell-Gedächtnis sind. Daher spiegeln einfache serologische Tests auf SARS-CoV-2-Antikörper nicht den Reichtum und die Beständigkeit des Immungedächtnisses gegenüber SARS-CoV-2 wider.

Diese Studien zeigten, dass der Schutz vor einer erneuten Infektion relativ stark ist und sogar nach mehr als zehn Monaten noch anhält. Jedoch ist es noch nicht bekannt, wie lange diese schützende Immunität wirklich anhält. Die Frage über die Dauer und Stärke eines Infektionsschutzes nach einer überstandenen COVID-19-Infektion bleibt offen. Weitere Längsschnittstudien sind erforderlich, um die Dauer und Stärke des Schutzes über die Zeit einzuschätzen.

Dabei ist aber wichtig zu beachten, dass Antikörper allein betrachtet den Immunschutz nicht gut vorhersagen können. Nach einer Impfung oder Infektion existieren viele weitere Immunitätsmechanismen – nicht nur auf der Ebene der Antikörper (humorale Immunabwehr), sondern auch auf der Ebene der zellulären Immunität. Während nach einer durchgemachten Infektion die Antikörper in den ersten Monaten nach der Infektion deutlich abnehmen, bleibt ein immunologisches Gedächtnis erhalten, dieses lässt sich aber schwieriger messen. Das Immunsystem ist sehr komplex und eindeutige Ergebnisse sind schwer abzuleiten.

Des Weiteren werden nicht alle Reinfektionen „bestätigt“. Hierbei ist eine genetische Sequenzierung notwendig. Es ist auch zu beachten, dass viele Erstinfektionen möglicherweise nicht erkannt worden sind, da in der ersten Welle der Pandemie nicht alle Personen Zugang zu Tests hatten.

Das Risiko einer erneuten Infektion hängt von vielen Faktoren ab. Wissenschaftliche Daten zeigen, dass das Risiko einer Reinfektion bei ungeimpften Personen und möglicherweise auch bei Personen, deren vorherige Infektion milder war und eine geringere Immunantwort hatte, höher ist.

Einige mit SARS-CoV-2 infizierte Personen entwickelten keine Antikörper. Wissenschaftler des Robert-Koch-Instituts entdeckten in einer Gruppe von Corona-positiv Getesteten, dass fast 50 % von ihnen keine neutralisierenden Antikörper entwickelt hatten. Das bedeutet aber nicht, dass diese Personen keine Immunität gegen SARS-CoV-2 gebildet haben, da das Immunsystem auch weitere Abwehrmechanismen benutzt (z. B. T-Zellen).

Einer wissenschaftlichen Studie zufolge können Immunzellen im Knochenmark noch nach einem Jahr SARS-CoV-2 erkennen. Langlebige Knochenmark-Plasmazellen sind eine dauerhafte und wesentliche Quelle schützender Antikörper. Die Forscher gehen davon aus, dass die Knochenmark-Plasmazellen lebenslang neue Antikörper produzieren können. Die Ergebnisse zeigten, dass es möglich ist, mit einer leichten Infektion mit SARS-CoV-2 ein robustes antigenspezifisches, langlebiges humorales Immungedächtnis zu induzieren.

Das Risiko einer Reinfektion hängt unter anderen auch von der Variante des Coronavirus ab sowie von der Virusmenge, der jemand ausgesetzt ist. Die Omikron-Variante scheint ein Gamechanger zu sein. Insgesamt zeigen die wissenschaftlichen Daten Hinweise auf eine mögliche Reinfektion von bereits Genesenen oder Geimpften. Laut Wissenschaftlern des Imperial College London entzieht sich die Omikron-Variante weitgehend einer Immunität durch eine frühere Infektion oder zwei Impfdosen. Omikron wird im Vergleich zu Delta mit einem deutlich höheren Risiko einer Reinfektion in Verbindung gebracht. Das Reinfektionsrisiko bei der Omikron-Variante ist ca. 5,4-mal höher als bei der Delta-Variante. Der Schutz vor einer Reinfektion mit COVID-19 innerhalb der letzten sechs Monate ist von etwa 85 % vor dem Auftauchen von Omikron auf einen Wert von ca. 19 % gesunken.

Es ist noch unklar, wie gut die Immunantwort auf Omikron vor einer zweiten Infektion mit derselben Variante oder Infektionen mit neuen Varianten schützt.

Je länger wir mit COVID-19 leben, desto höher ist auch die Wahrscheinlichkeit, uns (mehrmals) zu reinfizieren. Mehrfach-Impfungen sowie schon durchgemachte Infektionen stärken die Immunität bis zu einem gewissen Grad. Eine durch Impfung erworbene Immunität ist jedoch viel sicherer und wird bevorzugt, da die Person nicht den deutlich höheren Risiken, möglichen Komplikationen und Langzeitfolgen einer Corona-Infektion ausgesetzt werden wird.


Hinweis: Wie alle Antworten zu COVID-19-bezogenen Fragen unterliegt auch diese der Tatsache, dass unser Wissen diesbezüglich noch begrenzt ist.

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