Wer entscheidet, in welche Krankheit investiert wird?

Das ist eine wirklich spannende Frage, die gar nicht so leicht zu beantworten ist.


Einerseits ist damit die Überlegung verbunden, welche Krankheit am „schlimmsten“ ist. Kann man da überhaupt eine Rangfolge bilden? Das kann schnell zynisch klingen, etwa wenn man sich fragt, ob es schlimmer ist, eine Demenz zu bekommen oder einen Herzinfarkt. Man kann das ja nicht wirklich vergleichen. Trotzdem wird probiert, genau das einzuschätzen, denn eine Gesellschaft hat ja nur begrenzte finanzielle Mittel, und da muss sie sich überlegen, ob sie das Geld lieber in die (sehr teure) Erforschung von Immuntherapien bei Krebs oder lieber in ein Mammographie-Screening steckt. (Siehe dazu den Beitrag: "Ist es effizienter, in die Forschung seltener Krankheiten zu investieren, als in das Allgemeinwohl?")


Im wissenschaftlichen Bereich wird diese „Schlimmheit“ als Burden of Disease bezeichnet, also als Belastung durch die Erkrankung oder Krankheitslast. Wie wird das nun ermittelt?


Man geht dabei zunächst mal ganz systematisch vor. Man schaut, wie hoch die Lebenserwartung eines durchschnittlichen, gesunden Menschen normalerweise bei seiner Geburt ist. In Deutschland beispielsweise ist die Lebenserwartung von Mädchen bei ihrer Geburt zur Zeit 83 Jahre, die von Jungen 78 Jahre (https://www.lifetable.de/data/DEU/DEU000020162018CU1.pdf).


Als nächstes schaut man, wie hoch die Lebenserwartung von jemandem ist, der eine bestimmte Krankheit hat. Von der „allgemeinen“ Lebenserwartung wird dann die „erkrankte“ Lebenserwartung abgezogen und man weiß dann, wie viele Lebensjahre jemand im Durchschnitt verliert, der diese Krankheit hat.


Nun ist aber natürlich nicht nur die Lebensdauer relevant, sondern auch die Einschränkungen, die man durch eine Erkrankung hat. Auch hier wird berechnet, wie viele Jahre man krank ist, das sind dann Lebensjahre, die man an gesunder Lebenszeit verliert.

Rechnet man das zusammen, ergeben sich daraus die Anzahl der verlorenen Jahre wegen früheren Todes oder die Jahre, die Menschen mit Krankheit oder Behinderung gelebt haben. Dies nennt man Disability Adjusted Life Years (DALYs). Nun kann man vergleichen, durch welche Krankheiten und welche Risikofaktoren die höchste Krankheitslast hervorgerufen wird.


Abbildung 1 Verlust an gesunder Lebenszeit in Bezug auf verschiedene Risikofaktoren (Quelle: Lopez, 2006, Lancet)


Man erkennt, dass Probleme, die früh im Leben einsetzen und dann das ganze Leben beeinflussen – z. B. Unterernährung bei Kindern – besonders viele gesunde Lebensjahre kosten. Andersherum: Wenn man hier ansetzen und etwa verbessern kann, dann ist besonders viel gewonnen. Die Weltgemeinschaft versucht deshalb, genau in solche Bereiche zu investieren.


Soweit die vernünftige Sicht, die auch zum Glück eine große Rolle bei Entscheidungen spielt. Darüber hinaus gibt es aber auch Lobbyismus für bestimmte Erkrankungen. Und natürlich haben zentrale Schlüsselpersonen – zum Beispiel Gesundheits- oder Forschungspolitiker - auch persönliche Erfahrungen mit Krankheiten gemacht, die ihre Entscheidungen mit beeinflussen können.

Der Einfluss solcher Faktoren wird aber dadurch gemildert, dass normalerweise nicht einzelne Personen, sondern Gremien diese Entscheidungen gemeinsam fällen. Solche Gremien sind durch Experten mit verschiedenen Fachkenntnissen besetzt und sie lassen sich durch Wissenschaftler beraten. Es gibt umfangreiche Diskussionen und Abstimmungsprozesse, bevor entschieden wird, für welche Krankheiten und gesundheitsförderlichen Maßnahmen die begrenzten finanziellen Mittel im Gesundheitswesen genutzt werden.

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